Im Rausch des Windes – Bergab bist du ganz alleine auf dieser Welt (2/2)

Photo by Pixabay / cath61
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Zwei Geschichten, zwei Höhepunkte auf jeder Rennrad Etappe. Zwei Teile die zueinander gehören wie Pech und Schwefel. In zwei Beiträgen beschreibe ich dir den Traum vom Rennradfahren, nämlich dem Anstieg und der Abfahrt. Du kannst sie nicht voneinander trennen, du musst auf beides vorbereitet sein. Was ihren jeweiligen Reiz ausmacht, liest du hier.

Teil 1 – Jede Schweißperle ist eine vorübergehende Narbe auf dem Weg zum Gipfel

Teil 2 – Im Rausch des Windes – Bergab bist du ganz alleine auf dieser Welt (Du befindest dich hier)

Im Rausch des Windes – Bergab bist du ganz alleine auf dieser Welt

Du bist auf dem Gipfel angekommen. Der Berg ist bezwungen. In deinen Gedanken stellst du ihn in die Vitrine deiner Trophäen, denn in wenigen Tagen ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber jetzt stehst du noch auf dem Asphalt. Den Lenker wieder fest mit deinen Handschuhen umgriffen. Es ist noch nicht vorbei.

Du erinnerst dich an die vielen Kehren auf dem Weg zum Gipfel. Prüfend schaust du über deine hochtechnisierte Rennmaschine. Sie hat dich bis hierher gebracht. Angetrieben von der Energie deiner Muskeln. Eine Dreieinigkeit zwischen Asphalt, Rennrad und dir selbst. Aber du weißt, dass deine Energie nun nicht mehr gleichermaßen gefordert wird, denn die Abfahrt steht bevor. Du erinnerst dich an die Höhenmeter, du rechnest… wie steil wird es sein? Deine Augen blitzen auf, funkeln… es kann losgehen. Jetzt ist es nicht mehr die Kraft, das Blut, das antreibt. Es ist dein Kopf. Logik. Aber vor allem deine Aufmerksamkeit und dein Geschick mit unvorhergesehenem umzugehen. Du weißt nicht was die Straße bietet, du weißt aber sehr wohl, dass du sie mit hohem Tempo passieren wirst. Doch all das ist weit weg. Die Pedale klicken während deine Clickies mit ihnen verschmelzen. Ihr seid wieder eins, es kann losgehen.

Noch fühlst du den Anstieg in deinen Beinen

Die ersten Meter. Angetrieben durch deine Kraft aus den Beinen. Du spürst deine Oberschenkel vom Anstieg. Fühlst noch einmal die Anstrengung, die du zurückgelegt hast. Den Schmerz aber auch das unfassbare Glück, oben angekommen zu sein. Wie ein Souvenir schmiegt sie sich an deinen Körper. Nun folgt die Belohnung. Belohnung? Ist sie das? Die Abfahrt? Oder ist sie ein notwendiges Übel, dem du nicht entkommen kannst, weil du hier herauf wolltest? Weil du der Bezwinger sein wolltest? Weder noch. Kein Für und kein Wider. Es ist die Kombination, das endlose Zusammenspiel von Berg und Tal, von Anstieg und Abfahrt. Kein Widerspruch, kein Gegenteil. Sondern eine Einheit. Eine Etappe. Ein einziger Tag an den du ich gerne erinnerst.

Jetzt treten deine Beine ins Leere

Deine Kraft lässt nach. Nicht weil du nicht mehr kannst, sondern weil deine Beine ins Leere treten. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Meter und Meter bewegen sich Vorder- und Hinterrad schneller über den Asphalt. Deine Beine stellen auf Leerlauf. Du amtest tief durch, jetzt heißt es wachsam sein. Die Straße fest im Blick.

Du hast noch einmal Zeit über den Anstieg nachzudenken. Ein Wahnsinns Gefühl. Du warst oben. Du hast ihn gemeistert. Der Berg ist ein Sklave deiner Erinnerung. Doch die erste Kehre naht. Wie war das nochmal? Ausholen… Bremsen, hineinlegen. Treten. Den Fahrbahnrand wieder einnehmen, rollen lassen. Geschafft. Das Rad macht was es soll. Die Bremsen laufen flüssig. Die zweite Kehre steht bevor. Schon? Es geht alles so schnell… aber nun flüssiger. Du bist wieder drin im Rhythmus der Talfahrt. Jetzt fängst du an zu genießen. Du amtest tief und ruhig während die Räder auf Höchstgeschwindigkeit in das Tal drehen und der Lenker tief nach unten ragt.

Ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Freiheit

Und auf einmal ist der da. Dieser Moment, den du so lange erwartet hast. Dieser Moment, der eine Talfahrt auf seine ganz eigene Art besonders macht. Seinen eigenen Reiz versprüht. Der Wind umgibt dich und hat dich fest im Griff. Frontal trifft er auf deinen Helm, deine Brille, dein Trikot. War er zunächst noch unangenehm, trägt er dich jetzt. Lässt dich über dem Boden schweben. Alles um dich herum verschwindet gedanklich und es gibt nur noch dich und das Rad in diesem Windkanal. Kein links und kein rechts. Ein Zurück schon gar nicht. Allenfalls der Weg vor dir. Ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Freiheit, das nicht enden will. Es gibt keinen Mitfahrer mehr, es gibt keine Autos, keine Bodenwellen, kein Hindernis. Du bist alleine auf dich gestellt. Und alles in diesem Moment gehört dir. Deine Sternstunde. Dein Moment.

Aufwachen aus der Trance

Du erreichst das Tal. Das Rad wird langsamer. Verschwommen aber klarer werdend erscheint dir wieder dein Umfeld. Dein Körper bebt und du blickst zurück. Siehst nicht die komplette Strecke, aber erahnst, wo du hinunter gekommen bist. Und kannst dein Grinsen im Gesicht nicht länger verbergen. Was für eine Abfahrt. Was für ein Gefühl. Deine Haare stehen noch senkrecht nach oben. Ich habe es geschafft. Was für eine irre Tour. Was für ein Geschenk, dies spüren zu dürfen. Dein Rennrad hat performant wie es sollte. Du clickst aus, steigst ab und hältst es stolz vor dich. Wir waren ein perfektes Team. Deine Hochachtung gehört dem Berg, der dir diese Etappe geschenkt hat.

Teil 1 – Jede Schweißperle ist eine vorübergehende Narbe auf dem Weg zum Gipfel

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